Die Oberstufe West plant, alle ersten Klassen ab dem Schuljahr 2026/27 typengemischt zu führen. Vorbehalten ist die Zustimmung des Amts für Volksschulen.
Warum führt die Oberstufe West typengemischte Klassen ein?
Weil wir Vielfalt als Chance verstehen. In gemischten Klassen lernen Jugendliche mit unterschiedlichen Stärken gemeinsam – und zwar unabhängig ihrer Zuweisung in eine Sekundar- oder Realstufe. Das fördert Chancengerechtigkeit, soziale Kompetenzen und bereitet besser auf das Leben und Arbeiten in einer vielfältigen Gesellschaft vor.
Welche Pädagogischen Ziele stecken hinter dem Projekt?
- Chancengerechtigkeit fördern: Alle haben unabhängig von der Herkunft die gleichen Möglichkeiten.
- Individuelle Förderung: Jedes Kind soll seine Stärken entdecken und entwickeln können.
- Schlüsselkompetenzen („4K“) stärken: Kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität und Kooperation.
Wie profitieren die Schüler:innen von gemischten Klassen?
- Sie lernen voneinander und unterstützen sich gegenseitig.
- Sie entwickeln Empathie, Teamfähigkeit und Respekt.
- Sie lernen einander unabhängig der Labels «Real-/Sek» kennen und schätzen.
- Sie erhalten die Möglichkeit, ihre individuellen Talente einzubringen.
- Sie werden auf die Realität in Beruf und Gesellschaft vorbereitet, wo ebenfalls heterogene Teams zusammenarbeiten.
- Sie arbeiten direkt in ihrem Anspruchsniveau.
- Soziale Herkunft wird als Faktor für die Verteilung von Bildungschancen abgemildert.
Wie werden lernstarke Schüler:innen gefördert?
Leistungsstarke Jugendliche erhalten anspruchsvollere Aufgaben und zusätzliche Herausforderungen. Sie können ihr Wissen in Projekten vertiefen und ihre Stärken gezielt einsetzen. Dabei lernen sie punktuell auch, andere zu unterstützen und Verantwortung in Gruppen zu übernehmen (Peer-Learning). Natürlich bieten wir weiterhin die Kanti-Vorbereitungskurse an. Auch arbeiten wir mit der PH St.Gallen im Projekt «St.Forscht» zusammen, einem MINT-Begabungs- und Begabtenförderungsprogramm für (hoch)begabte Schüler:innen der 4. bis 9. Klasse. Darüber hinaus entwickeln wir Lernsettings für die Begabungsförderung in unserem heilpädagogischen Team.
Wie funktioniert die Differenzierung in den typengemischten Klassen?
Damit alle Schülerinnen und Schüler optimal gefördert werden, arbeiten wir mit drei Anspruchsniveaus. Diese orientieren sich am Lehrplan 21 und den dort beschriebenen Grund- und erweiterten Ansprüchen. Zusätzlich berücksichtigen wir die Taxonomiestufen nach Bloom, die die unterschiedlichen Tiefen des Denkens abbilden (vom Verstehen bis hin zur Anwendung, Analyse und kreativen Gestaltung).
Die drei Niveaus sind farblich gekennzeichnet:
- Grün = Basisaufgaben: Sichern grundlegendes Verständnis (Grundansprüche des Lehrplans 21, 40% des Materials).
- Gelb = Standardaufgaben: Decken die Kernkompetenzen ab (Kompetenzen der Sekundarstufe I, 40% des Materials).
- Rot = Erweiterungsaufgaben: Für vertiefte Auseinandersetzung und höhere Ansprüche (erweiterte Ansprüche, 20% des Materials).
Beispiel:
- Grün: „Rechne die Grundaufgaben zur Prozentrechnung.“
- Gelb: „Wende die Prozentrechnung auf eine alltagsnahe Situation an.“
- Rot: „Vergleiche unterschiedliche Methoden zur Berechnung und entwickle eine eigene Lösung.“
Zusätzlich setzen wir auf Eigenverantwortung und Selbstständigkeit in unseren «SLZ (Selbstlernzeit) Lektionen», wo die Lernenden Ziele setzen und bearbeiten.
Wie entstehen die Prüfungsnoten?
Prüfungen enthalten Aufgaben auf Real- und Sekundarstufenniveau. Schüler:innen lösen die für ihren Bildungsgang relevanten Teile, dürfen aber alle Aufgaben lösen.
- Realschüler:innen: Für eine Note 6 müssen sie sämtliche grünen und gelben Aufgaben (80%) richtig gelöst haben.
- Sekschüler:innen: Für eine Note 6 müssen sie sämtliche grünen, gelben und roten Aufgaben (100%) richtig gelöst haben.
Die Praxis zeigt, dass ein Grossteil der Realschüler:innen in Prüfungen auch die roten Aufgaben löst. Viele können gut im Sek-Niveau mithalten, was wir im Zeugnis abbilden. Zusätzlich fliessen Lernfortschritte, Kompetenznachweise und Beobachtungen in die Beurteilung ein. Es finden regelmässig Feedbackgespräche statt, in denen die Lernenden Rückmeldungen zu ihrem Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten erhalten.
Welche Rolle spielen Noten überhaupt?
Wir setzen nicht nur auf Noten, sondern auch auf Rückmeldungen zum Lernen. Wichtig ist, dass die Schüler:innen ihren eigenen Fortschritt erkennen und erleben. Damit stärken wir Motivation, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Neben den Schulnoten nehmen alle Oberstufenschüler:innen an kantonalen Tests (sogenannte «Stellwerktests») teil, die ein wichtiger Indikator für die (berufliche) Zukunft unserer Lernenden sind. In der Praxis zeigt sich, dass das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten (Stichwort: Schlüsselkompetenzen) mindestens genauso wichtig sind, wie die Noten.
Welche Unterstützung erhalten Kinder mit Lernschwierigkeiten?
- Zusätzliche Förderung durch schulische Heilpädagog:innen.
- Teamteaching mit den schulischen Heilpädagog:innen in verschiedenen Lektionen.
- Förderzentrum und Selbstlernzeiten, wo individuell begleitetes Lernen möglich ist.
Gibt es Fächer, in denen weiterhin getrennt unterrichtet wird?
Nein. An der Oberstufe West verzichten wir gänzlich auf eine Aufteilung der Stammklasse in Niveaugruppen. Beziehungsarbeit ist uns wichtig. Die Dynamik innerhalb der Schulklasse und die intensive Beziehungsarbeit zwischen den Lehrpersonen und den Klassen ist eine echte Chance für das soziale und personale Lernen. Wir setzen auf Binnendifferenzierung und Individualisierung in unserem Modell.
Handelt es sich um ein dauerhaftes Modell?
Vorerst arbeiten wir mit unserem Pilotjahrgang (jetzige 2. Oberstufe) und zwei typengemischten Klassen (Klasse mit Schwerpunkt Musik und Parallelklasse) im Schuljahr 2025/2026. Eine Ausweitung des Projekts im kommenden Schuljahr ist geplant. Dieses befindet sich aktuell im Genehmigungsverfahren. Die Erfahrungen des Pilotjahrgangs und der beiden Klassen in der jetzigen ersten Oberstufe planen wir weiter auszuwerten und bei der Fortsetzung des Projekts einzubringen. Eine erste Befragung der Eltern, Lehrpersonen und Schüler:innen fand im letzten Schuljahr (2024/2025) bereits statt. Dabei zeichnete sich eine grosse Zufriedenheit bei diesen drei Anspruchsgruppen ab. Wir arbeiten stetig daran unser Modell zu verbessern. Wir glauben an die Vision der Chancengerechtigkeit und nähern uns dieser mit dem Projekt «typengemischte Oberstufe» an.